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Acts of intervention, of deconstruction and reconstruction, are
central to the sculptural works of Michael Sailstorfer (*1979).
There is in his work a pre-disposed sense of the given, a given
that is quite literally given over to something else. Whether it
is a natural space in the forest given over to artifice (Waldputz,
2000), or an old police car turned into a set of drums (Schlagzeug,
2003), there is always for both the maker and object realised a
defining instinct of self-consuming playfulness. Familiar utility
is turned with humour to uselessness, or, put another way, into
an aesthetic usefulness: meaning and function are thus transposed
to a second use value. Sailstorfer's Froebeling tendencies can just
as easily turn a light aircraft into a tree-house (D-IBRB,
2002), as a city tourist bus into a non-utilitarian sculptural object.
A house consumes itself in a boiler (3 Ster mit Ausblick,
2002), caravans turn themselves into a house (Heimatlied,
2001), or a house becomes a piece of furniture (Herterichstrasse
119, 2001). Similarly, bus shelters can just as readily find
themselves as newly domesticated spaces (Wohnen mit Verkehrsanbindung,
2001). In the mind and imaginary world of Sailstorfer the transitory
suggests a variable permanence, and what appears to be permanent
becomes transitory. Lampposts can become portable rockets that take
off from launching pads (Sternschnuppe, 2002), and street
lamps need shades against the mosquitoes (Mückenhaus, 2001).
For if the use of irony is that Socratean method by which we find
the conveyance of new meaning, and in whose literal meaning is the
opposite, then we have in Michael Sailstorfer a contemporary maker
of playful ironic objects.
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aus: Michael Sailstorfer - Welttour, Galerie Markus Richter,
Berlin, 2003 |
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Bau - Sätze
Betrachtet man die Welt dinglicher Objekte mit den Augen von Michael
Sailstorfer, so erhalten alle Materialien ihre spezifische Identität,
einen regelrechten Charakter, wie er beseelte Lebewesen kennzeichnet.
Und tatsächlich bilden sie ja charakteristische Einheiten und haben
eine Geschichte. Die gestalterische Arbeit Michael Sailstorfers greift
in die Geschichte und Identität der dinglichen Objekte ein. Sie deutet
Material und Gegenstände um, indem sie sie transformiert und aus ihren
Bestandteilen neue Kunst-Objekte formt. Man könnte seine ästhetische
Praxis als gebastelte Interpretation gegebener Objekte bezeichnen,
die, verspielt und mit technischem Witz, deren Geschichte erzählt.
So ist etwa das Baumhaus, das Michael Sailstorfer aus einem Segelflugzeug
gebaut hat (D-IBRB, 2002), zugleich eine Interpretation von dessen
möglicherweise letztem Einsatz. (Man denke an den drachenfressenden
Baum der Peanuts, der, wenn man ihn ließe, sicher auch vor Segelflugzeugen
keinen Halt machen würde.) Und aus der Not, sein Segelflugzeug in
einem Baum gelandet zu haben, so mag man sich vorstellen, hat jemand
eine Tugend, genauer: eine Behausung gemacht. In ähnlicher Weise zeigt
das Sofa, das aus den Materialien eines Abrisshauses gefertigt wurde
(Herterichstraße 119, 2001), auch eine gewissermaßen geistige
Bewegung an: eine Wölbung nach innen. Aus äußeren Raumformen wird
Interieur und Mobiliar. Nur ein weiterer Hinweis ist dabei, dass das
Sofa unter dem Bild des Abrisshauses steht, gerade so, wie über dem
Stubensofa der Großeltern die Ahnenbilder hängen.
Die verschiedenen Entwicklungsstufen des Materials, der imaginäre
Weg vom ursprünglichen Gegenstand zum fertigen Kunst-Objekt, erzählen
die Geschichten der Objekte. Die ursprünglichen Objekte werden für
Michael Sailstorfer zu Bau-Sätzen - zum Materialarsenal für bestimmte
andere Objekte und vor allem beginnen sie zu sprechen. Bau-Sätze sind
Statements, Sentenzen, narrative Einheiten.
Wenn jedoch mit einem handelsüblichen Bausatz normalerweise ein Flugzeug
oder ein Tunnel gebaut werden kann, so lassen sich mit Sailstorfers
Bau-Sätzen metaphysische Fragen bauen. Seine Arbeiten stellen handwerkliche
Kommentare zum allgemeinen Werden und Vergehen dar. Quasi mit der
Flex wird ein Staunen an der Welt modelliert - besonders deutlich
in Und sie bewegt sich doch (2002). Aus einem PKW, einem Linienbus
und einer Straßenlaterne hat Sailstorfer ein Modell kosmischer Bewegung,
die Erddrehung mit Mondumrundung gebaut. Durch den historischen Bezug
im Titel und den klaren Verweis, den das Modell enthält, erscheint
es unmittelbar als ironisch-plumper Bausatz einer großen kosmischen
Welterklärung. Man mag sich in den Arbeiten von Michael Sailstorfer
durchaus an Arbeiten von Fischli und Weiss erinnert fühlen, allen
voran an die gebastelte Kettenreaktion im Video Der Lauf der Dinge
(1985-1987), dessen Gestus ihm verwandt zu sein scheint.
Jene großen metaphysischen Fragen sind dabei nicht zuletzt durch die
symbolischen Dimensionen der Gegenstände angezeigt, aus deren Material
die Arbeiten Sailstorfers bestehen: Segelflugzeuge symbolisieren den
frei schwebenden Flug, und damit die Freiheitsmetapher schlechthin.
Häuser sind auch materiale Metaphern einer Verschachtelung von Innen
und Außen, somit der Idee der Behausung mit all ihren sinnbehafteten
Verweisen. Und Kraftfahrzeuge, wie in Und sie bewegt sich doch
und eben jetzt, in Dean und Marylou sind Sinnbilder der Mobilität,
mit denen die Welt erfahren wird.
Raumobjekte
Trotz dieser thematischen und technischen Kontinuität ist Dean und
Marylou auch eine sehr neuartige Arbeit. Das betrifft zum einen den
Status des Objektes selbst. In früheren Arbeiten waren die Objekte
in irgendeiner Weise nützliche Gegenstände, die der - wenn auch extravaganten
- Veranschaulichung (als Modell kosmischer Bewegungen) oder Behausung
(Sofa, Baumhaus) hätten dienen können. Mindestens in D-IBRB
und Herterichstraße 119 kamen dadurch auch Aspekte zweckgebundener
Gestaltung zum Tragen. Zwar mag man sich auch von Dean und Marylou,
obwohl in der Form eher klobig als windschnittig und sportlich, aufgrund
des lackierten Stahlblechs und anderer erkennbarer Fahrzeugteile an
die Fahrzeug-Objekte von Tobias Rehberger (nana, im Design
veränderter Porsche 911 bzw. McLaren F1, 2000) und Matthew Barney
(aus Cremaster 4, Isle of Man, 1994/95) erinnert fühlen,
die an der Grenze zum Design stehen. Aber Dean und Marylou
ist, so groß sein Verweisungsreichtum auch sein mag, ein nutzloses
Ding, dem die Tugenden funktionalen Designs oder zweckgebundener Gestaltung
nicht zukommen. Das durch einen Balg verbundene Objekt aus Stahlblech
ist kein wiedererkennbares Gebrauchsding, sondern ein rein dysfunktionales
ästhetisches Objekt.
Zum anderen beruht der neuartige Charakter von Dean und Marylou
auch auf der Struktur seines narrativen Gehalts. In früheren Arbeiten
Michael Sailstorfers bildete der Zustand A der jeweiligen Bau-Sätze
(vor allem im Falle des Segelflugzeugs und des Abrisshauses) mit dem
Zustand B (entsprechend: Baumhaus, Sofa) eine narrative Einheit. Das
Balg-Objekt Dean und Marylou entfaltet seine narrative Komponente
nicht allein und nicht einmal in erster Linie aus der Beziehung von
Zustand A zu Zustand B. Zwar bleibt der mit roten Herzen beklebte
Linienbus als Rohstoff, aus dem das Objekt geformt ist, erkennbar
und auch Bestandteil der inhaltlichen Verweise. Aber Dean und Marylou
verweist zur Eröffnung seines narrativen Gehalts auf ein anderes,
genuin narratives Medium, auf einen literarischen Text. Denn Dean
und Marylou sind zwei Figuren aus Jack Kerouacs erstmals 1955 erschienenem
Kult-Roman On the Road. Durch diesen Sprung vom Objekt zur
Erzählung löst sich das Objekt jedoch mindestens partiell aus dem
narrativen Gefüge und reflektiert sich zugleich als nicht-narratives
Raumding. Der Titel als Brückenschlag zur narrativen Form markiert
auch die interne Grenze des skulpturalen Objekts, das eben kein in
erster Linie narratives Medium ist. Es erzählt nicht (in der Zeit),
sondern steht (im Raume) da.
Namensspiele
Das Verhältnis ästhetischer Objekte zu ihrem Titel, durch das sich
in Dean und Marylou ihre narrative Komponente öffnet, ist allerdings
äußerst prekär. In dem Augenblick, in dem sich die ästhetische Darstellung
von der Repräsentation klar identifizierbarer Objekte löst, wo vielleicht
die Möglichkeit der Repräsentation selbst in Frage steht, da drohen
im Namen angezeigte Verweise das Objekt zu unterfordern, ist doch
das Wie der Darstellung, die formale Eigenheit des Objekts selbst
schon Hinweis genug. So scheinen Titel eine einfache Antwort auf die
Frage nach Darstellungsfunktionen zu geben, die sich einfach aber
gar nicht beantworten lässt. Auf diese Weise drohen sie den Eigensinn
des Objekts zu unterwerfen und sich selbst an die Stelle des Kunstwerks
zu setzen. Das gilt ebenso für Dean und Marylou. Denn obgleich
formale Strukturen, Assoziationen und angeheftete Symbole in bestimmtem
Zusammenhang mit ihnen stehen, lässt sich das Objekt kaum einfach
als Darstellung der beiden Romanfiguren begreifen. In leitenden ästhetischen
Strategien zeitgenössischer Kunst ist das Verhältnis von Titel und
Objekt vielfältig thematisiert worden. Nicht bloß der Verzicht auf
Titel oder die rein formale Titulierung, die Reihenfolgen nummeriert,
Farben oder Materialien benennt, hat die Probleme der Benennung und
der Repräsentation angezeigt. Richard Serra hat einer Reihe minimalistischer
Stahlskulpturen Namen berühmter Persönlichkeiten (etwa: Pasolini,
1985, Schmiedestahl; Fassbinder, 1983; Sacco und Vanzetti,
1986; beide aus Corten-Stahl) gegeben, die gleichwohl im Objekt nicht
einfach wiederzuerkennen waren. Bestens ein atmosphärischer Hinweis
durch die Struktur der räumlichen Präsenz oder des Gewichts mag Verbindungen
von Objekt und Titel erzeugen. Die Möglichkeit der Repräsentation
und Titulierung schien durch diese Arbeiten zugleich eher in Frage
gestellt als stabilisiert zu werden.
Eine Werkreihe von Imi Knoebel - Gemälde, auf denen lediglich monochrome
Farbflächen zu sehen sind - trägt den Namen Grace Kelly (Acryl
auf Holz, 1990). Dennoch lassen sich diese Bilder kaum als Darstellungen
der Schauspielerin interpretieren. Allerdings stehen sie in einem
bestimmten Verhältnis zu ihrem Titel. Denn durch die farbenfrohen
Farbflächen greifen sie die Farbästhetik einer Glamour-Welt und ihrer
piktoralen Vermittlung im Hochglanz-Magazin auf. Nicht die Darstellung
eines spezifischen Objekts, sondern Aspekte seiner medialen Vermittlung
bilden hier den Brückenschlag zwischen dem Kunstobjekt und seinem
Titel.
Eine dritte exemplarische Strategie, das Verhältnis von Objekt und
Titel zu thematisieren, hat Jean Tinguely mit ironischen Porträts
berühmter Philosophen angezeigt (etwa Jean-Jacques Rousseau,
Diverse Maschinenteile, Karnevalsutensilien, 1988). Obgleich diese
Maschinen angeheftete menschliche Züge tragen (Jean-Jacques Rousseau
ist mit indianischem Federschmuck und einer überdimensionierten Nase
ausgestattet), sind sie dennoch als bloße (meist lärmende) Maschinen
weit von Karikaturen entfernt. Sie treiben die karikaturistische Entstellung
bis auf eine Spitze, an der die Repräsentation selbst problematisch
wird. All diese Strategien und keine davon sind auch in der Benennung
Dean und Marylou enthalten. Dean und Marylou ist weder
Karikatur noch verfährt es in rein medialer oder atmosphärischer Analogie.
Die Hinweise sind eindeutig, reichen beinahe an eine karikaturistische
Bezeichnung der Romanfiguren Dean und Marylou heran. Zugleich
erscheint Dean und Marylou eher einem Bus als menschlichen
Figuren ähnlich und beschwört somit eher den Kontext des Romans als
seine konkreten Akteure herauf.
Dean und Marylou
Das Objekt spielt in unzähligen Verweisen auf den Kontext des Romans
an. Konkrete Zeichen, materiale Besonderheiten und Metaphern weisen
auf den narrativen Zusammenhang hin. Das Leben unterwegs, das sich
nicht unwesentlich im Greyhound-Bus abspielt, die Schrammen, die man
dabei davonträgt - sie finden sich in Sailstorfers Dean und Marylou
angedeutet. Der angekratzte Lack und die fleckenübersäte Oberfläche
des Objekts, das erkennbar selbst aus einem Passagierbus besteht,
sie lassen etwas von solchem Leben erahnen. Und wie eine Raupe, ein
Kriechtier, erscheint der ehemalige Bus, der keine Räder mehr hat.
Er ist ein unbeweglich klobiger Block. Und ebenso kommen auch Dean
und Marylou, obgleich immer auf Achse, nicht recht vom Fleck, leben
für den Moment, der sich an Ost- und Westküste letztlich gleicht.
In Verbindung mit den aufgeklebten Herzen wird man bei dem Balg an
die Bewegung einer Atmung denken, an ein Pulsieren, Herzschlag, Frühlingsgefühle
vielleicht. Man mag sich durch den Balg auch an ein Akkordeon und
Spielmannslieder erinnert fühlen, die für Schausteller und andere
Nomaden charakteristisch sind. Halbwelten zwischen Jahrmarkt und Bordell
deuten die Herzen zudem an. Sie sehen ein bisschen schmuddelig aus,
erinnern aber auch ans Geschäft, an Schaufenster und Werbeschilder.
Die profane Welt des Alltagslebens, die durch den Blick des Bohemiens
ästhetisch gebrochen wird - das ist der Stoff, aus der die Welt der
Tagelöhner und Landstreicher gemacht ist, in der sich Dean und Marylou
in Kerouacs Roman bewegen.
Dean und Marylou ist ein Objekt aus zwei Objekten. Und wenn
man will, mögen jene zwei Objekte gewissermaßen doch für die zwei
Romanfiguren stehen, die der Titel benennt. Zwei menschliche Figuren
in busähnlicher Gestalt. Selbst, als Nomaden, eher schon der Welt
der PKW zugehörig als der sozialen Wirklichkeit (falls es so etwas
gibt) anständiger Bürger. Die Herzaufkleber, so äußerlich sie auf
dem klobigen Objekt auch scheinen, deuten auf den zärtlichen Gehalt
der Beziehung, die Dean und Marylou verbindet. Vor dem Hintergrund
des Romans erscheint das Objekt Dean und Marylou, obgleich von überdimensionaler
Größe und selber nicht so zärtlich daherkommend, als der Stoff, aus
dem die zärtlichen Beziehungen sind. Insbesondere der Balg, der die
zwei Blechkuben miteinander verbindet (oder trennt?) wird dabei zu
einem mechanischen Sinnbild für Bewegungen der Annäherung und Entfernung,
zu einer Metapher für zärtliche Beziehungen. Zugleich ließe sich jenes
fortwährende Spiel aus Distanz und Nähe als ein Blasebalg interpretieren,
der zum Anheizen dient. Hot Love wäre das Stichwort. |
aus: Katalog WIR, HIER!,
Revolver-Verlag, Frankfurt, 2003 |
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...und sein Absturz-Szenario
in freier Natur: der 23-jährige Künstler Michael Sailstorfer
Dass der Flugverkehr gegenwärtig von allen möglichen Krisen gebeutelt
wird, ist schwer übersehbar. Nun fügt sich ein weiteres merkwürdiges
Vorkommnis in die Liste der ungereimten Störfälle. "D-IBRB" heißt
eine ominöse neue Fluggesellschaft, deren einziges bislang in Betrieb
genommenes Luftschiff nicht gerade als verlässliches Transportmittel
zu empfehlen ist. Das Trägheitsgesetz scheint sich wie aus heiterem
Himmel immer wieder des unkontrollierbaren Flugkörpers zu bemächtigen.
So wurde das nur ausgesprochenen Kunstliebhabern bekannte Flugobjekt
bislang an diversen Behelfslandeplätzen einige Meter über dem Erdboden
gesichtet. Zuerst, Anfang dieses Jahres, verfing es sich mitten auf
bayerischer Flur in den Ästen eines Baums, um schließlich nach einem
Neustart vor zwei Wochen ausgerechnet auf einem Messestand des Berliner
Art Forums Platz zu nehmen.
Hinter der ungewöhnlichen Flugkabine verbirgt sich der Münchner Künstler
Michael Sailstorfer. Demonstrativ gibt er die aus Teilen zweier Sportflugzeuge
zusammengeschweißte und über eine Leiter begehbare Luftfahrzelle als
Baumhaus aus. Dass man sich bei allem heiteren Anschein des aeronautischen
Ungetüms zugleich an Flugzeugkatastrophen der jüngeren Vergangenheit
erinnert fühlt, ist nicht zuletzt dem leicht demoliert wirkenden Äußeren
des skulpturalen Zwitters zuzuschreiben.
Über den unglaublich souveränen Karriereauftakt von Michael Sailstorfer
reiben sich Kritiker, Sammler, Kuratoren derzeit die Augen. Mit seinen
erst 23 Jahren kann der im niederbayerischen Vilsbiburg geborene Akademiestudent
eine ausgesprochen seltene Erfolgsbilanz vorweisen. Nicht nur, dass
er bereits von Galerien in München und Berlin fest vertreten wird
und dieses Jahr an einer ganzen Reihe von Gruppenausstellungen beteiligt
war, auch der Geldsegen schneit regelrecht in Form von Förderpreisen
über ihn herein. Nach dem "Preis der Darmstädter Secession" im Sommer
konnte er jetzt den mit 5000 Euro dotierten und erstmals auf dem Art
Forum in Berlin vergebenen "Christian Karl Schmidt Förderpreis für
zeitgenössische Kunst" ergattern. Das auf dem Messestand der Galerie
Markus Richter gestrandete flügellahme Baumhaus von Sailstorfer entspricht
fast bilderbuchartig den Richtlinien der Auslober: Sperrig und eigenwillig
in seiner intermediären Ausformung, lässt es sich schwerlich ad hoc
vom Kunstmarkt vereinnahmen.
Seinen ersten radikalen Kunstanschlag verübte Sailstorfer vor zwei
Jahren in der freien Natur: Mitten im Wald rasierte er ein geometrisch
abgemessenes Stück Boden ab, reinigte die Baumstämme bis auf über
zwei Meter Höhe, so dass sich imaginär ein kubisches Stück Minimal-Art
im Landschaftsraum herausbildete. Seinerzeit war der Student von Nikolaus
Gerhart gerade mal zwei Semester an der Münchner Akademie der bildenden
Künste eingeschrieben.
Michael Sailstorfers ungewöhnliche skulpturale Einlassungen in der
freien Landschaft finden in der Regel ohne größere Öffentlichkeit
statt. Lediglich Fotos künden von vorübergehenden fremdartigen Implantaten
wie etwa dem niederbayerischen "Heimatlied", bei dem Sailstorfer unvermittelt
auf der grünen Wiese eine vom Inventar her voll funktionstüchtige
Blechhütte aus vier zerschnittenen Wohnmobilen zusammenklitterte.
Intime Platzhalter der Heimat in einer stark nomadisch veranlagten
Gesellschaft sind ihm diese halbutopischen Überlebenskammern. Auch
seine zusammen mit Jürgen Heinert Anfang des Jahres angezettelte Geheimaktion
in Urtlfing (Niederbayern) kann in seiner Tag-Nacht- Prozesshaftigkeit
nachträglich nur als grandioses Fotospektakel genossen werden. Die
beiden Künstler kauften sich von einem Bauern eine Blockhütte, entblätterten
das Holzhaus peu à peu in effektvoller plastischer Schichtarbeit bis
aufs Skelett, um den brennenden Holzofen einen Tag lang mit dem Abbruchmaterial
in Gang zu halten. Am Ende war nicht viel mehr als das in den Nachthimmel
lodernde Ofenrohr zu sehen. Metamorphotischer kann vorgefundene Skulptur
gar nicht sein.
Michael Sailstorfer scheitert gerne mit ironischer Begeisterung an
seiner Tüftlergabe. Für eine Gruppenausstellung in Rimini hat er zuletzt
auf einem Mercedes seine "Abschussanlage für Straßenlaternen" konstruiert.
Ein absurder Abgesang auf den Fortschrittsoptimismus der Moderne.
Wundersam waren Michael Sailstorfers Interessen übrigens schon in
frühen Jahren: Der Sohn eines Bildhauers hat sich in einem Alter,
in dem Jungs gewöhnlich mit Modelleisenbahnen und ähnlichem beschäftigt
sind, lieber auf diversen Kunstmessen herumgetrieben. Dennoch: Wer
hat schon mit Anfang zwanzig den Mut, waghalsig aufwändige Projekte
ohne jede Aussicht auf einen Adressaten und Käufer zu starten.
Sailstorfer lacht verlegen, wenn er auf seine Blitzkarriere angesprochen
wird. "Ich möchte an einem Ort, der mir gefällt, veränderliche Skulpturen
machen, die gleichzeitig auch funktionieren", erklärt er lapidar.
Zeitgenössische Maniker des Modellhausbaus wie Gregor Schneider und
das Atelier van Lies bewundert Sailstorfer unverhohlen. Jetzt schwebt
ihm erst einmal ein längerer Aufenthalt in London vor. Eines scheint
zumindest gewiss: Michael Sailstorfer ist als Künstler viel zu neugierig
und getrieben, als dass er in die berüchtigte Münchner Falle einer
lokalen Matadorenschaft tapsen würde.
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aus: Süddeutsche Zeitung, 8.10.2002 |
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